Als ich das erste Mal Photos von Daido Moriyama sah, dachte ich, Photographie in der Zeit nach Hiroshima muß genau so aussehen. – Die Erkenntnis kam wie ein Schock.
Dabei behandeln Moriyamas Arbeiten Sujets, die apokalyptischer Implikationen gänzlich unverdächtig sind: Menschen liegen am Strand, fahren mit dem Nahverkehrszug, schlendern durch die Vergnügungsviertel Tokyos oder Osakas. Moriyama durchstreift Straßen, findet Hunde, Kinder, Hauseingänge.
Aber die Bilder sehen sämtlich aus, als wären sie im Moment des sich entwickelnden nuklearen Blitzes geschossen. Ausgerissene Konturen, gleißendes Licht, gehetzte Unschärfe.
Der Engel der Geschichte erscheint in ihnen eingebrannt, ein körniger Schatten, ein Körper, von der Strahlung im Moment des Todes auf eine Wand geworfen.
Vom Augenblick der Katastrophe her scheint in die Zeit ein Licht, das jedes Auge, das es erblickt, für immer blendet, und ein Sturm fegt von ihr her durch die Ruinen, der kein Halten kennt und kein Zurück.
Wer lebt, existiert einzig als Überlebender, dem alles, was sein Leben ausmacht, zu Staub zerfallen ist – ein bleicher Schatten im Reich der Geister.
Es tut mir Leid, ich bin heute so drauf. Ihr müßt ja nicht weiterlesen.
Und der deutsche Adel kommt bei mir auch weiterhin nicht vor.
Als ich im Jahr 2006 mit Miss Fish im Backstage des Kinzo (Berlin) eine spontane Photosession nach ihrem Auftritt in Chantals House of Shame machte, gab es eine Situation, in der mich derselbe Schock einholte: ich fühlte mich an einen Ort versetzt, der, obwohl er sicherlich nie real existierte, mir vollkommen wahrscheinlich erschien und der in seinem grünlich gelbstichigen Licht an Becketts „Dépeupleur“ erinnerte.


Ich nannte die Photoserie schließlich inoffiziell „23 ft. under Reactor No.4 / Czernobyl“.
Es nimmt kaum Wunder, daß diese Serie kein großer Verkaufsschlager geworden ist. – „Party“ sieht wohl anders aus im allgemeinen Verständnis. Und „Party“ scheint auch so gar nicht zu passen zu all den Katastrophen, die im weiten Rund ihre Trümmer werfen.
Dennoch „geht die Party weiter“. – Vom „Tanz auf dem Vulkan“ hat man früher gesprochen, als das Atom noch nicht metaphernreif war. Die zeitgenössischen „Tänze des Lasters“ finden in scheinbar sichererer Umgebung statt: in den nachgelassenen Bunkern der ausgebombten Nazihauptstadt oder in den Kellern spätstalinistischer Platten.
Und doch ist das Gefühl unverändert: das einer wollüstigen Panik angesichts eines näher rückenden Endes der Welt, wie wir sie kennen. – Wenn die Musik ein paar Sekunden lang nicht spielt, sind die anrückenden Schaufelbagger auch von hier unten aus schon zu hören – unklar ist nur, ob sie kommen, um uns rauszuholen oder um uns zuzuschütten.
Was aktuell Fukushima angeht, sehe ich in den Bildern, die wir täglich „auf den Schirm“ bekommen, nichts.
Ich rede dabei nicht von dem Gemeinplatz, daß man die radioaktive Gefahr nicht sehen, schmecken oder riechen kann. Es gibt schließlich Geigerzähler; wenn’s knistert, strahlt wahrscheinlich irgendwas.
Außerdem haben Earthquake und Tsunami durchaus ihre Bilder, die Katastrophe ist millionenfach dokumentiert – eine echte Handy-Katastrophe! – und weltweit ausgestrahlt.
Die Bilder geben nur nichts von dem, was geschieht, heraus.
Trotzdem sitzen wir, weit vom Schuß, vor der Glotze und starren immer dieselben Bilder an und starren immer neue Bilder an, die immer dasselbe zeigen, und wir hören gebannt stelzigen Sentenzen nichtbetroffener Nachrichtensprecher zu, die sich, hilflos wie sie sind, in einen Predigerton flüchten, für den sie einfach nicht ausgebildet sind: eine mondokane Litanei des Schiffbruchs an fernen Gestaden, ein Singsang von fremdem Leid hinter verschlossenen Gesichtern… -
Letztendlich geht es hier aber nicht um die Wolke von Bildern und Sinnbildern, die am Ende des Tages durch den Äther treibt wie der Plastikmüllteppich über die Weltmeere.
Es geht – Entschuldigung – um unseren Hintern.
Wenn sie wenigstens Manfred Zapatka engagieren würden, um die Nachrichten aus Japan zu verlesen!
Vielleicht würde man dann wenigstens etwas begreifen – vielleicht sähe man dann etwas, das wenigstens ein bißchen über die bloße Darstellung großflächiger Zerstörung und massenhaften Elends hinausginge, etwas auch, das die plumpe Abrechnungsdramaturgie von Schuld und Sühne überträfe.
Don’t look now!